Botanik

botanik_plakat

Botanik Austellung in den Gewächshäusern des Botanischen Gartens (KIT) Karlsruhe
02.02.2020 - 10.10.2020

Vernissage: 02.02.2020 | 11:30 Uhr
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Aktuell ist wegen Corona die Ausstellung bis auf weiteres nicht öffentlich zugänglich!

Eintritt frei!
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Botanischer Garten (KIT)
Am Fasanengarten 2
D-76131 Karlsruhe

Unterstützt durch das Kulturbüro der Stadt Karlsruhe und der STIFTUNG PHOTOGRAPHIE schwarzweiß

Grafik: Regina Cekaskin

Diese Ausstellung wurde über Startnext finanziert. Um das Crowdfunding anzusehen,
kannst du mal  HIER  vorbei klicken.

Botanik Ausstellung von Jana Dillo

Text von Barbara Einig

Als Ausstellungsbesucher*innen westlicher Sphären sind wir es gewohnt, Kunstwerke auf eine bestimmte Art und Weise präsentiert zu bekommen, die mittlerweile so gewohnt ist, dass wir sie kaum mehr hinterfragen. Die meisten Ausstellungsarchitekturen setzen auf plane Wände, eine einheitliche, oft weiße Raumfarbe und eine kleinstmöglich ablenkende Blickführung.

Der neutrale Ausstellungsraum, der 1976 von dem Konzept- und Installationskünstler Brian O‘Doherty als white cube bezeichnet wurde, differenziert strikt zwischen den Entstehungsprozessen von Bild und Ausstellungskonzeption.

In einer Zeit entstanden, in welcher die Künstler*innen der Avantgarde eine vergeistigte, abstrakte Kunstsprache erfanden, die jeden Menschen berührt, legt der white cube den Fokus allein auf die autonome Ästhetik der Werke. Ungefähr 100 Jahre nachdem Austellungsmacher*innen begonnen haben, Kunst auf eine Art und Weise zu präsentieren, die jegliche Informationen über die Machart oder die biographischen Hintergründe der kunstschaffenden Person hinter der Aura des Werkes zurücktreten lässt, wird dieser Ansatz zunehmend hinterfragt. Während Peter Weibel zum Beispiel den stark eurozentristischen Blickwinkel kritisiert, lässt sich auch anzweifeln, ob diese Ausstellungsform überhaupt noch auf die Sehgewohnheiten des 21. Jahrhunderts zutreffen kann.

Eine 2001 im Metropolitan Museum of Art durchgeführte Studie ermittelte, dass die durchschnittliche Verweildauer der Betrachter*innen vor Kunstwerken im Museum bei 27,2 Sekunden, und der untere Wert sogar bei 17 Sekunden lagen. Als die Studie 2016 wiederholt wurde, fiel nicht nur auf, dass die Menschen noch weniger Zeit vor den Kunstwerken verbrachten, sondern, dass sie sie vor allem für Selfies nutzten. Die ermittelte Aufmerksamkeitsspanne zeigt auf, dass uns das Zeitalter von Massenmedien, allgegenwärtiger Werbung und social networks womöglich neue Ausstellungsformen abverlangt.

In der von Jana Dillo selbst konzipierten Präsentation ihrer Werke im botanischen Institut des KIT, werden die Betrachter*innen aufgefordert, aufmerksam durch die unkonventionellen Ausstellungsräume zu schweifen. Im Gegensatz zum white cube, gehen hier Kunst und Ort ineinander über. Und dieser Ort ist nicht nur irgendeiner: Er ist ein Ort des Wissens, der Forschung, der Bewahrung vom Aussterben bedrohter Pflanzen.

Auch ist das Botanische Institut als Ruheoase in der Stadt und als Teil der Karlsruher Kultur mit Erinnerungen und Gefühlen verbunden. Nicht zuletzt sind die Gewächshäuser des botanischen Instituts des KIT Quelle der Motivik Jana Dillos Fotografien. Insgesamt acht ihrer quadratischen Botanik-Arbeiten schmiegen sich nun in ihre unkonventionellen Ausstellungsräume, wo sich Fotografie und Pflanzenwelt für einen Zeitraum von neun Monaten die warme Atmosphäre des Palmen- und Tropenhauses teilen. Da die Botanik-Serie in Karlsruhe - damals Wahlheimat der nun in Essen ansässigen Künstlerin - begann, bot sich der Botanische Garten des KIT als Ausstellungort für Dillos Fotografien, die in gedruckter Form bereits im Journal der Stiftung Photografie schwarzweiß präsentiert wurden, von vorneherein besonders an.

Während wir uns durch die Ausstellungsräume bewegen, entdecken wir erst die Bilder in der Umgebung, um daraufhin nach und nach auch die Umgebung in den Bildern wiederzufinden. In der uneinheitlichen Präsentationsform wechseln die Betrachtungsmöglichkeiten je nach Grad des umliegenden Pflanzenbewuchses. Können wir an ein Werk bis auf Zentimeter nah herantreten, eröffnet sich uns ein anderes wiederum nur aus der Fernsicht.

Wenn die harten Horizontalen und Vertikalen in den Fotografien in die umliegenden Rankgitter überzugehen scheinen, sich angeschnittene Heizkörper in unserem Blickfeld doppeln und der Wuchs der Pflanzen alles wie ein wild gesponnenes Netz verbindet, so scheint es, als würden wir im Grün der Gewächshäuser wie durch Sichtfenster in eine farblose Parallelwelt schauen.

Schnell werden wir uns jedoch bewusst, dass unsere Wahrnehmung trügt. Zwar sind viele der Bilder tatsächlich in den Karlsruher Räumlichkeiten entstanden, nach genauerem Betrachten müssen wir jedoch feststellen, dass die Funktionsweise unseres Gehirns, Bilder gerne in einen bekannten Kontext einzupflegen, doch nicht so problemlos funktioniert.

In unseren eigenen Bildfindungsprozess vertieft, werden wir dazu veranlasst, den Blick zu schulen, uns mit unserem Umgang mit bekannten Mustern auseinanderzusetzen und Strukturen weiterzudenken. Wie sich Jana Dillo auf ihren Streifzügen in den botanischen Gärten auf die gezielte Suche nach Motiven macht, werden auch wir dazu angehalten, die Bildausschnitte in den Räumen des botanischen Instituts wiederzuentdecken und so das visuelle Interesse der Fotografin selbst nachzuvollziehen. Es ist nicht etwa die ungefilterte, unbestreitbar einer natürlichen Schönheit unterliegende Flora, die sich in den Fokus ihrer Rolleiflex stellt. Viel spannender ist für sie die Symbiose des Natürlichen und des Synthetischen, die sich daraus ergibt, wenn der Wirrwarr der Pflanzen und die marode Struktur der Architektur aufeinandertreffen.

Nicht zuletzt der Blickwechsel von innen nach außen und von außen nach innen stellt dabei verschiedene Grade der Abstraktion her. Während die innenliegende Perspektive der grob gerasterten Struktur der Metallkonstruktion beispielsweise die filigranen Verzweigungen eines Farngewächses gegenüberstellt, geben die von den Rückständen der Kondensflüssigkeit getrübten Scheiben von außen den verschwommenen Blick auf spinnenartige Auswüchse einer Agave frei. Aus dem Dialog zwischen teilweise schmutzigem, weichgezeichnetem Glas und sich niederschlagender Feuchtigkeit; kaltem, korrodierendem Metall und wucherndem Organischen ergibt sich eine morbide Ästhetik. So unterschiedlich die organischen Formen der Pflanzen und die metallenen und gläsernen Bauteile des 60er Jahre-Gewächshauses doch sind, unterliegen Wildwuchs und Menschengemachtes dennoch bestimmter Rhythmen, die in ihrem Zusammenspiel eine hohe ästhetische Spannung entwickeln.

Auch wenn nicht alle Fotografien in der Karlsruher Botaniksammlung entstanden sind, – unter anderem werfen wir Blicke in die Gewächshäuser Bochums, Zürichs, Dortmunds und Berlins – tragen sie dennoch alle die Eigenheit in sich, uns in ihrer abbildenden und gleichsam blickerweiternden Qualität sozusagen ein Korrektiv der Realität zur Verfügung zu stellen.

In ihrer Interaktivität liegt der Präsentationsform so ein schon fast installativer Charakter inne. Die auf PVC-Planen gedruckten Bilder hängen - wie auch die Leihgeber ihrer Motive, die Pflanzen - an Rankgittern. Der Flora wird es auf diese Weise erlaubt, im Zuge ihres natürlichen Wachstumszyklus in das Bild einzugreifen, es zu überwuchern und damit zu stören oder auch zu erweitern. Erst greift das sich allmählich ausbreitende Organische so lang unkontrolliert auf die Bilder über, bis es im Herbst nächsten Jahres, dem Ende der Ausstellungsdauer, von Menschenhand zurückgeschnitten werden wird.